Künstler-Networking im Wandel der Zeit

Geschrieben am 28.12.2009 von Teriell  
Kategorie: Kunst und Medien

Vor ein  paar Jahren tummelte sich die Mehrzahl der internetaffinen Kunstschaffenden (selbst vermutlich jedoch eine Minderheit aller Kunstschaffenden) in archetypischen Kunstforen oder Kunstcommunities. Das waren die beschaulichen Zeiten des Web 1.0, in denen man eine Plattform besuchte, um dort Gleichgesinnte (etwa Künstler, Hobbypinsler oder sonstige am Thema Interessierte) aufzusuchen, sich in Threads auszutauschen und natürlich pixelige Bilder niedriger kb-Zahl dem dortigen Ausschnitt von Öffentlichkeit vorzustellen. In diesen Urzeiten waren solche Foren mit Bildfunktion Stand der Technik und einige der Plattformen haben es zudem vermocht, eine ordentliche Menge an “Mitgliedern” anzusammeln. So funktionierte das auch für eine Weile ganz gut. Plötzlich kam geradezu über Nacht das Social Web daher, gerüstet mit einer Vielzahl von Diensten und Applikationen, welche die Sache auch im Gefilde der Künste irgendwie aufgemischt haben. Dazu gehören ja etwa die heut dominierenden Dienste wie Youtube, Flickr, Facebook, Twitter usw. Diese Dienste “können” oftmals ja selbiges wie die einstig ach so beschaulichen Kunstforen mit Bildfunktion; nur eben auch noch mehr. Primär herrschen dort andere Mechanismen in Bezug auf Distribution, Aggregation und Kanalisierung von Kommunikationsinhalten vor. Z.B. kann sich der digital aufgerüstete Künstler in den Sphären von Facebook (nur um ein Beispiel anzuführen) unmittelbar einer ganz anderen, nämlich thematisch nicht spezialisierten  Öffentlichkeit “stellen”, was ja eigentlich ein Ziel von Kunst ist oder sein sollte - nach außen (was auch immer außen im Detail ist) zu wirken bzw. zu kommunizieren und also nicht innerhalb des Kunstsystems zu verweilen. Auch thematisch fokussierte Netzwerke, welche früher neben dem realen Leben etwa in Kunstforen erschlossen wurden, können heute ebensogut durch andere Mechanismen oder Plattformen entstehen, z.B. über Gruppen und Kanäle als Teilmenge einer unüberschaubaren Gesamtheit. Kunstforen selbst waren auch immer etwas merkwürdig. Merkwürdig im Sinne ihres ureigenen Werte- und Bezugsystems, in dem es dann auch stets grollende Platzhirsche gab sowie die netten und schlichtenden Tanten von nebenan, natürlich auch Trolle. So galten intern (intern soll heissen - innerhalb der Plattform oder dem Kunstforum) immer gewisse Spielregeln und Bewertungskriterien rund um das goldene Kalb, was da Kunst hieß. Ob diese dann jeweils Sinn gemacht haben oder eben nicht, sei dahingestellt. Ich will damit eigentlich nur ausdrücken, dass wenn Künstler über Kunst reden, kommt oftmals anderes dabei heraus, als wenn die Öffentlichkeit Kunst wahrnimmt und evtl. darüber spricht. Diesen Punkt finde ich recht spannend. Und ich vermute, dass die Anbindung an die Gesamtheit anderer heterogener Gesellschafts- oder Interessengruppen innerhalb dieser Social-Web-Dingsbums-Dienste generell besser gelingen kann, ohne dass das Netzwerken von Künstlern (usw.) untereinander auf der Strecke bleibt. Es gibt natürlich viele Interessen des Künstlers oder Kulturtreibenden, die hier zu beachten wären und in Bezug auf solche Überlegungen nicht zu vergessen sind. Da gibt es zudem pragmatische Verkaufsinteressen, Vermarktungsambitionen, zu klärende Urheberrechtsfragen und so weiter und so fort.

Mich würde mal brennend Eure Meinung zu dem Thema interessieren. Für welchen Zweck funktionieren welche Kommunikationskanäle oder Plattform-Typen besser? Welche Erfahrungen konntet ihr mit welcher Art von Plattform machen?

Hier eine kleine Frage dazu, was die Künstler und Kunstinteressierte häufiger nutzen …

Was nutzt Ihr häufiger?

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Hier übrigens noch eine Umfrage zum Thema Integration von Social Media-Funktionalitäten in Kunstforen:

Ist es wichtig, dass Kunstforen an Twitter, Facebook & Co funktional angebunden sind?

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Kommentare
Bislang gibt es 9 Meinungen zu "Künstler-Networking im Wandel der Zeit"


  1. André Debus meinte am 28.12.2009 um 08:00Uhr|Typ: Comment

    Mir gefällt die heile Welt der Kunstforen eigentlich ganz gut. Sie bieten die Möglichkeit sich mit einer großen Auswahl an Künstlern auseinanderzusetzen und persönliche Kontakte zu Kollegen herzustellen, die ähnliche Ansätze verfolgen. Es ist gut zu wissen dass es jemanden gibt, der genau das Gleiche macht wie man selbst, nur halt besser. Damit müssen auch die eigenen Ansprüche steigen. Im speziellen Fall artmesh besteht außerdem die Möglichkeit zu teils erfolgreichen, älteren Künstlern Kontakt aufzunehmen. Hat mir persönlich viel gebracht.

    Gegenüber facebook und Konsorten bin ich eher misstrauisch. Während auf der einen Seite tatsächlich spartenübergreifende Kontakte z.B. in die Wirtschaft möglich sind (kenne ich auch ein konkretes Beispiel), so sind die optionalen Möglichkeiten für die ach so neugierigen und verspielten Künstler eher eine Falle. Jedenfalls scheint es mir so als ob die meisten meiner Kollegen sich dort Tierfarmen, bunte Aquarien u.ä. bauen.

    Im Verhältnis scheint es mir geradliniger und direkter Kontakte in alternativen Foren aufzubauen.


  2.  
  3. Teriell meinte am 28.12.2009 um 09:15Uhr|Typ: Comment

    Da ist was dran. In dem Punkt des Kontakts der Künstler untereinander würde ich Dir da gegenwärtig auch vollkommen Recht geben. Wie schätzt Du denn das Potential bzgl. der Reichweite und Öffentlichkeit bei den spezialisierten Kunstforen und Communities ein? Also ist geht das dort Gezeigte Deiner Meinung nach auch über die Grenzen der Künstlercommunity hinaus? Viele Grüße und danke für Deine Meinung, Sebastian.


  4.  
  5. Barbara Rapp meinte am 28.12.2009 um 09:30Uhr|Typ: Comment

    Darf ich mich sehr kurz halten?

    Öffentliche WWW-Diskussionen zur Kunst hätten in der Tat den Vorteil der leichteren Zugänglichkeit für JEDERMANN, soweit interessiert.

    Künstlerkontakte über Foren und Plattformen konnte ich in der Tat sehr viele gute und auch weniger gute generieren, aus einigen sind auch bereits fruchtvolle Kooperationen entstanden und der eine oder andere \”interne\” Austausch, von daher: prima!

    Über die Grenzen der Künstlercommunities kommt man ohne eigene Aktivität aus ebendiesen sicher nicht hinaus. Ich befürworte seit einiger Zeit speziell solche Plattformen und Communities, deren Betreiber die darauf präsentierten Künstler und Werke aktiv bewerben, sei es über das WWW oder über persönliche (auch Mail-)Kontaktpflege.

    Grundsätzlich wird meiner Meinung nach das Internet mit all seinen Spielwiesen zukünftig verstärkt seine ohnehin schon wichtige Rolle in der Kunstwelt ausbauen, auch in den “oberen Klassen” das Marktes.

    Lieben Gruß,
    Barbara


  6.  
  7. André Debus meinte am 28.12.2009 um 08:05Uhr|Typ: Comment

    Ich teile die Meinung von Barbara dass die Zukunft (speziell auch des Hochkunstmarktes) viel stärker im Internet kommuniziert werden wird. Allein die Möglichkeit innovative Entwicklungen (durch Ausstellungsvideos von vernissage.tv oder New Yorker Ausstellungsvideos von James Kalm: lorenmunk.com) gebündelt zu finden, muss selbst am anderen Ende der Welt zeigen wo gerade neue Entwicklungen stattfinden und wo sie hin führen.

    Nur was erwartet man sich über die Information und Networking (im doppelten Sinne :-)) hinaus von einem Forum oder dem Social Web? Ausstellungen? Verkäufe? Da wäre ich eher vorsichtig. Der Markt läuft auf einer ganz anderen Internetschiene: artfacts.net u.ä. Dort holen sich Auktionshäuser und Händler ihre Informationen. Es sind mir Einzelfälle bekannt von Künstlern die Ausstellungen über artmesh erhalten haben (also nicht in Selbstorganisation sondern über dort angemeldete Galeristen). Aber dass dürfte die Ausnahme sein. Verkäufe ausschließlich über Internet sind rar.

    Am ehesten kann man als Künstler noch zum Verkaufserfolg kommen, wenn man in eine offizielle städtische Künstlerdatenbank aufgenommen wird. Wir haben in Nürnberg so eine, und seitdem die online ist, bekomme ich regelmäßig Anfragen verschiedenster Coleur (wobei das Clientel oft sehr kunstmarktnaiv ist).

    Der Unterschied zwischen Communities und Datenbanken (auch artfacts/konsorten) liegt in der offziellen städtischen/markttechnischen Anerkennung und verschafft dem potentiellen Kunden das Gefühl vorselektierter Qualität.


  8.  
  9. Teriell meinte am 28.12.2009 um 15:39Uhr|Typ: Comment

    Danke nochmal für Eure Kommentare. Hoffe, es folgen noch mehr zum Thema. Interessant finde ich übrigens, dies noch als Anmerkung, dass erst wenige Foren/Communities (zumindest was ich bisher so gesehen habe…) andere Api’s / Dienste nutzen. Artbreak macht das z.B. in der Form, dass Bilder in anderen Diensten (Facebook, Twitter etc.) gepostet werden können. Finde ich persönlich überaus sinnvoll, da so wenigstens die Schnittstelle nach “Außen” existiert. Habe hierzu mal ne kleine Umfrage gestartet und diese oben im Posting angehangen …


  10.  
  11. Polygonist meinte am 28.12.2009 um 12:58Uhr|Typ: Comment

    Die einzigen größeren Kunstforen die eine Schnittstelle zu Twitter und Facebook haben sind mir neben den schon erwähnten Artbreak eigentlich nur noch Deviant Art und Flickr bekannt.
    Artbreak generiert allerdings einen riesenlange Url, da ist kaum noch Platz für eigene Bemerkungen.

    Was mir allerdings auch noch aufgefallen ist, ist das die Organic Groups (also thematische Gruppenbildung) in größeren Foren ein wichtige Instrument zumindest für Künstler untereinander ist. Folgeeffekt davon allerdings, weitere Vernischung von Künstlern.

    Zu guter letzt. Für Künstler ist der Online und Forenaktivismus zwar ein interessantes Marketingwerkzeug geworden, allerdings raubt es einem dermaßen viel Zeit das man sowieso schon mal komplett den Überblick verliert und die Zeit für Kreativität weiter einschnürrt.
    Außerdem sollte man diversen ernstgemeinten Anfragen zu welcher Aktivität auch immer mit genügend Abstand begegnen und schonmal drei viermal Nachfragen. Wenn derjenige längerfristiges Interesse an Bild oder möglicher Ausstellung mit einem hat, dann hat er auch meist genügend Luft um dran zu bleiben. Vieles verpufft aber schon nach der ersten, ensten Rückfrage.


  12.  
  13. Elisabeth meinte am 28.12.2009 um 08:47Uhr|Typ: Comment

    Kunstforen: Gleichgesinnte, Beteiligung an internationalen Projekten (kuratierte Projekte), rascher Informationsaustausch (Anfragen über Seriosität von Galerien, Wettbewerben etc., Hinweise über Beteiligungsmöglichkeiten), Erfahrungsaustausch, gegenseitige Kritik, Inspiration über gemeinsame Inhalte
    seltener: Kuratoren, Galeristen, Journalisten
    (Das relativ geschlossene System artmesh hat die verbindlichsten Kontakte unter Künstlern ergeben. Gegenseitige Unterstützung bringt die besten Möglichkeiten!)

    Blogs: Informationen, Anregungen, Wettbewerbe/Beteiligungsmöglichkeiten, Trends, internationales Geschehen, Kontakte bei weiterführenden Diskussionen, oft grosse Verbreitung
    (Gut, wenn man Artikel oder Werke platzieren kann oder besprochen wird!)
    Verfassen eigener Posts: spannende Diskussionen, Kontakte, Positionierung, Verbreitung, internationale Vernetzung, Reflexion

    facebook: Informationen über Kulturinstitutionen (Gruppen), Kontakte mit Publikum, posten von Einladungen und Informationen, Recherchen, Kontaktpflege mit Galeristen und Vermittlern

    Kontakte können sich übers Netz ergeben, Verkäufe eher selten, abhängig von der Kunstrichtung. Fotos/Videos/digitale Werke können einfacher dargestellt werden als Skulpturen oder Gemälde.

    Das Leben findet in der Realität statt, die allerdings von virtuellen Kontakten beeinflusst werden kann, die den Radius erheblich ausweiten.

    Fazit: Es braucht alle Schienen!


  14.  
  15. Mon meinte am 28.12.2009 um 06:06Uhr|Typ: Comment

    Kunstportale, Facebook, Twitter sind Werkzeuge für die Masse. So lange man nicht wirklich darüber verkaufen kann wird es für viele Künstler uninteressant bleiben. Viele reale Netzwerke kommen über Freunde, Kommilitonen oder Kollegen zustande und ermöglichen z.b. Verkäufe und Ausstellungen usw.

    Das Uploaden und Posten in irgendwelchen Portalen bringt erstmal gar nichts und wenn es einem persönlich was bringen soll, muss man erstmal sehr sehr viel Zeit investieren, um selbst ein Feedback zu bekommen oder um Gleichgesinnte kennen zulernen. Ein Berufskünstler kann gerne darauf verzichten, der braucht das einfach nicht, Anerkennung, Ausstellungsmöglichkeiten holt er sich woanders und er muss nicht mal das Gefühl haben, das er was verpasst. Ich habe noch keine (Kunst)Portal / Gruppe etc. gefunden, die sich lohnen würde zu verfolgen/ lesen.

    Wie viele Stunden verbringt ihr in der Woche auf solchen Portalen und was hat es euch insgesamt schon gebracht? Meistens ist es doch reiner Zeitvertreib, mal was irgendwo was hochladen und kommentieren…. Nur was soll das bringen?


  16.  
  17. Teriell meinte am 28.12.2009 um 08:27Uhr|Typ: Comment

    Hi Mon, stimme Dir z.T. zu. Vor allem stimmt sicherlich, dass wenn man etablierter Berufskünstler ist, der digitale Kram einen nicht interessieren muss. Auf der anderen Seite glaube ich, dass dies vor allem dann der Fall ist, wenn man sich nicht weiter für Kommunikation bzw. einen themenorientierten Austausch interessiert. Letzteres, also ein solch kommunikatives Nicht-Interesse hat wohl weniger etwas damit zu tun, ob man Berufskünstler, erfolgloser Autodidakt oder Designstudent ist (… vielleicht aber gerade doch?), sondern vielmehr damit, wie man gegenüber verschiedenen Kommunikationskanälen und den Menschen die diese benutzen eingestellt ist. Ein Diskussion im Sinne “real life”= authentisch, wahrhaftig und ehrenwert und “digital” = böse, ineffizient, zeitverschwendung … braucht man heutzutage nicht mehr ernsthaft zu führen, da man sonst auch wieder damit beginnen sollte über den sinn und zweck von telefonaten, lesungen etc. zu diskutieren. Meine Zeit in Kunstportalen würde sich wöchentlich derzeit vielleicht auf 3-5 Minuten hochrechnenen lassen. Nur was bedeutet das nun? Wenn ich aufsummieren würde, wieviel Zeit ich im letzten Jahr in einer Jazzkneipe verbracht habe und was mir das bringt, fände ich das genause wenig aussagekräftig. Eben so wie die Frage - was bringt mir eigentlich Telefonieren? Aber gut, jeder Jeck is anders, also seien solche medienontologischen Sinnkrisen gestattet … ;)


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