Bahia-Eindrücke

Geschrieben am 27.12.2009 von Teriell  
Kategorie: Gemischtware

… wie angekündigt folgt zunächst ein (sehr) kurzes Review des zurückliegenden Bahia-Trips. Ich bin zwar schon wieder ein Weilchen auf der Nordhalbkugel und im gewohnten Ding was Alltag heißt angekommen, aber es hat wohl allem Anschein nach ein bis zwei Tage gedauert, bis ich nun wieder das Bloggen aufnehmen konnte und vermutlich auch wollte.

Bahia ist ein dicker, nicht selten belaubter Batzen Land im Nordosten von Brasilien und dementsprechend äquatornah. Die Ecke verfügt also über eine verhältnismäßig senkrechte Sonneneinstrahlung und ist bevölkert von allerlei Pflänzchen und Tierchen. Zudem ist Bahia mit 567.295,5 km² mächtig groß - zum Vergleich: Deutschland kommt auf 357.104,07 km² (Quelle: Wikipedia). Menschen gibt’s dort natürlich auch nicht selten (und vor allem küstennah). Die sind tendenziell jünger und athletischer als hier (was durch andere Arbeit zu erklären ist) und sind anderen (ich würde sagen - atomar existenzielleren) Problemen als die Leute hier ausgesetzt. Die wenigen gut betuchten wohnen im Condiminium, alle anderen nicht. Dieser Name bezeichnet sowas wie eine gut beschütztes “Reichen-Reservat”. Fast alle Städter ziehen aber  generell  Mauern, gerne auch mit Scherben oder Stacheldraht verziert, um ihr Fleckchen Land. Zur Notiz: mein Eindruck von Bahia erstreckt sich lediglich auf ein kleines Gebiet und ist damit alles andere als objektiv.  Zudem ist er auch noch subjetiv…  Naja, jedenfalls ist ähnlich der Wohnsituation ein Kontrast zwischen Arm und Reich weitaus schneller ersichtlich als in diesen Breiten - wie man sich aber sicher auch denken kann.  Von einer Mittelschicht merkt man nicht sooo viel wie hier, es gibt also vor allem Arm, Halb-Arm und ein paar Reiche.

Neben diesen groben gesellschaftlichen Eindrücken hab ich ein vielseitig schönes, lebendiges, sehr interessantes aber auch zugleich morbides Gesicht des Nordostens von Brasilien gesehen. Morbide will erklärt sein: Zunächst mal ist eine nicht geringe Anzahl der dortigen Gebäude schlicht voll morbide - baufällig (zum Teil eben komplett kaputt), provisorisch zusammengeschustert oder nicht selten auch von der Natur zurückgefordert (und die Natur ist dort im Gegensatz zu hier noch jene mit den dicken grünen Hosen an). Der Kampf zwischen Natur und Zivilisation ist dort übrigens generell spannend zu beobachten und hinterlässt interessante Spuren und Bilder. Die Hitze, Luftfeuchte und Natur  mit all ihren items und skills  zeichnet eben auch dort wo’s geht morbide Bilder, z.B. tote und halb vergammelte, halb getrocknete Froschleichen neben den schönsten Blümchen und mehr dergleichen. Die gesellschaftliche Situation erscheint mir, wie schon ankling, auch strukturell morbid, was aber erst einmal wertfrei gemeint ist und andernorts eben nicht zwingend besser sein muss.

Die persönlichen Highlights des Bahia-Aufenthalts waren ein paar Trips und die Summe der vielen kleinen Eindrücke von Land und Leuten. Falls es jemanden von Euch mal nach Bahia verschlägt, kann ich eine Reise (welche netterweise mein Bruder organisiert hatte - Gruß an der Stelle!!) nach Morro de São Paulo (eine sehr schöne Insel) für den, der’s nett haben will, oder in den Nationalpark Chappada Diamantinas für den , der halb-abenteuerlich beeindruckende Natur entdecken will, empfehlen. Salvador, die drittgrößte Stadt Brasiliens, ist auch mit Sicherheit ein paar Blicke Wert. Interessant waren dort nicht zuletzt die kulturellen Eindrücke. Damit meine ich selbst jetzt nicht unbedingt die kulturellen Überbleibsel der Vergangenheit, also Gebäude, dem Touristen offeriertes Brauchtum und Andenkentum, sondern gerade auch die Anflüge gegenwärtiger Kultur. “Anflüge” hört sich hart an, ist aber nicht so wirklich abwertend gemeint. Mich hat nur der Fokus auf den Touri-Ramsch etwas geärgert. Zudem ist die Ecke im Kontrast zu anderen Gegenden auf der Welt kulturell nicht gerade hyperpräsent (also vor Ort meine ich).  Wenn, dann ist mir die Streetart aufgefallen. Verbrächte man jedoch mehr Zeit vor Ort, gäbe es sicherlich viel und viel Interessantes zu entdecken. Meine lokale Entdeckungsreise bestand leider ledilgich aus sporadischer Graffiti-Beschau,  Handwerks-Beschau, Rumrennerei, Marktbummelei, nem Plausch mit einem netten Kitsch-Künstler in allerlei Sprachen (die wir beide aber gar nicht wirklich konnten), nem sehr lustigen Plausch mit einem Musiker (der Morro de São Paulo nicht mehr verlassen wollte, weil er dort subjektiv das Paradies vorfand), Stadtbummelei (mit doch einer Besichtigung alter Gottesbunker) und ein paar abendlichen Kneipenimpressionen (auch anders als in Köln, muss ich sagen).

Den Nationalpark Chappada Diamantinas will ich mal noch explizit hervorheben. Der ist beeindruckend. Mit Höhlen, Bergen, allem Drum und Dran und vor allem wirklich beeindruckend. Dort waren wir mitunter in einem entlegenen, hobbitfähigem Fantasiedorf namens Igatu. Visuell und “haptisch” einfach verrückt, die Ecke. Inmitten nebliger Bergzüge, Häuser verschmolzen symbiotisch mit dem umgebenden Fels, Riesenfrösche und ich meine Riesenfrösche(!) (die mit Besen aus dem Haus gejagt werden und sich streicheln lassen), kleine Männer mit Hut (die alle Kräuter und Geschichten kennen und vermutlich zurecht stolz dreinschauen), ein skurriler sowie netter Franzose, Ruinen, widrige Natur, Carne do Sol und allerlei Kristall-Experten. In diesem Dorf waren insbesondere Diamanten ein großes Thema (man beachte hier auch den Namen Chappada Diamantinas), da diese dort mit Schweiß und Blut abgebaut wurden (heute aber “offiziell” nicht mehr abgebaut werden dürfen). Wir sind dann irgendwie auch in der örtlichen Diamantenmine gelandet und das war schon wirklich beeindruckend. Nicht allein wegen (in Europa völlig undenkbaren) Ungesichertheit dieser dunklen (und wieder morbiden) Diamantenmine …

Fazit: Ich find den kleinen Ausschnitt des Nordostens Brasiliens absolut interessant und die Nummer ist eine Reise Wert. Allerdings sollte man vermutlich gut verbereitet reisen und besser mit Rucksack und allem was dazugehört. Vor allem aber mit Zeit (und Plan). Ansonsten ist es wahrscheinlich schwierig, sich ein halbwegs detailliertes Bild von “vor Ort” (wo immer das dann sein möge) zu machen. Gruß an Schikki!

PS: Hab noch ein paar Bilder auf meinem Flickr-Account geparkt…

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Kommentare
Bislang gibt es 2 Meinungen zu "Bahia-Eindrücke"


  1. NichtDoerthe meinte am 27.12.2009 um 11:49Uhr|Typ: Comment

    Ein erfrischender Moment an solchen Urlauben und dem Einblick in das lokale Leben ist, dass es die Wahrnehmung auf die eigenen Problemchen neu justiert, Blick über den Tellerrand zurück auf den eigenen Teller und das, was dort Wesentlich ist. Immer wieder zu empfehlen.


  2.  
  3. Teriell meinte am 27.12.2009 um 13:21Uhr|Typ: Comment

    Da spricht die NichtDoerthe ein wahres Wort. “Horizont erweitern” hat eben oft auch mit anderen Horizonten anderer Orte zu tun ;) Hoffe, Du hattest schöne Weihnachtsfestivitäten und startest gut ins Neue Jahr!


  4.  

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