Was bedeutet Open Source für die Kunst?

Geschrieben am 24.2.2009 von Teriell  
Kategorie: Kunst und Medien

Die Ideen von und hinter Open Source, ursprünglich aus dem Software-Bereich stammend, breiten sich vermehrt auf andere gesellschaftliche Kontexte aus. Das verwundert kaum. Denn die Denkweise, dass Gutes entstehen kann, wenn (gute) Ideen weiter aufgegriffen werden können und nicht der verheimlichte Privatbesitz sind, lässt sich auf viele Vorgänge übertragen. Vor allem ist eine Open Culture im Zusammenhang mit immateriellen Gütern als relevant zu erachten, da diese lediglich künstlich verknappt werden können:

Güter (Produkte wie auch Dienstleistungen) können materiell oder immateriell sein. Beispiele für vorwiegend materielle Güter sind Autos, Computer-Hardware, Getränke etc. Sie werden im Laufe ihrer Lebenszeit abgenutzt oder verbraucht. Immaterielle Güter hingegen (z.B. Software, Bildung, Ideen) können an sich nicht verbraucht werden, wenn auch deren wirtschaftlicher Nutzen variiert.

Immaterielle Güter haben eine besondere Eigenschaft. Sie können mithilfe neuer Informations- und Kommunikationstechnologien (Internet, Computer) ohne nennenswerten Aufwand reproduziert und verbreitet werden und stehen damit potenziell unbegrenzt zur Verfügung.

Im Laufe der Geschichte stand die Gesellschaft immer wieder vor der Frage, wie sie mit jenen Überschüssen umgehen soll, die mit immateriellen Gütern einhergehen. Die Grundfrage lautet in diesem Zusammenhang: “Sollen überschüssige Güter künstlich verknappt werden, um deren geistige Urheber zu schützen oder sollen diese Güter in den “Besitz” der Allgemeinheit übergehen, um deren Verbreitung und Weiterentwicklung zu fördern?

Das Open Culture Konzept ist eine mögliche Antwort auf diese Frage. [Quelle: philo.at-wiki]

Durch die einsetzende, technisch realisierte Verbilligung und Demokratisierung der Produktions- und Distributionsstrukturen (gerade im Hinblick auf immaterielle Güter, z.B. repräsentiert durch audiovisuelle Inhalte) ist die Idee einer Open Culture prinzipiell möglich geworden. Seit immaterielle Güter bzw. Informationen in 1 und 0 codiert und (mit Einschränkungen) global vernetzt werden können, ist ihr Austausch potentiell nicht mehr nur auf Software limitiert.

Seit die offenen Quellen in den Mainstream der Softwareproduktion münden, haben sich ihre Vordenker und Aktivisten auf die Suche nach neuen Ufern gemacht und sind bei den Immaterialgütern fündig geworden: Wissen, Information, Kultur, all jene “stofflosen Dinge”, die als Texte, Zahlen, Bilder und Töne den Rohstoff der Informationsgesellschaft bilden.

[...] Denn sie alle teilen mit Software eine wesentliche Eigenschaft: Dank der Digitalisierung können sie in Nullen und Einsen gespeichert werden, die unabhängig von einem materiellen Träger sind. Dadurch können sie extrem einfach bearbeitet, praktisch fehlerfrei und kostenlos kopiert und – dank stetig sinkenden Gebühren für Breitband-Internetzugänge – ebenso einfach und preiswert übers Netz getauscht werden. [Quelle: S. Deterding - Into the great wide open]

Beispiele wie Wikipedia oder auch funktionierenden Lizenzmodellen wie den Creative Commons haben gezeigt, dass sich die “offene” Denkweise bzw. der “offene” Umgang mit immateriellen Gütern etabieren können und angenommen werden (was noch kein Qualitätsmerkmal sein muss, aber ein Zeichen der Zeit). Auch die Konsumenten sind daran gewöhnt, sich kulturelle Güter wie Filme, Bilder oder Musik etc. kostenfrei oder kostengünstig herunterzuladen, sie zu kopieren usw. Es geht dabei jedoch nicht in erster Linie um die nicht vorhandene Zahlungsbereitschaft, sondern um den leichten und unkomplizierten Zugang zu medialen Gütern. Da viele Konsumenten von heute auch Produzenten sind, werden nicht selten Inhalte weiter aufgegriffen, weiterverarbeitet oder in Form von Schnipseln collagiert. Ein Begriff in diesem Kontext ist die Mash-up culture.

Doch welche konkreten Konzepte, Begriffe und Praktiken es auch noch zukünftig geben wird, ein klarer Trend hin zu der Befreiung der Kultur von dem engen Korsett des Besitztums und damit der künstlichen Verknappung ist festzustellen. Vielleicht ist es die Logik der Maschinen und ihrer Software, der wir letztlich diese Einsicht zu verdanken haben. Denn ein guter Schnipsel Code kann modular auch in anderem Kontext wiederverwendet werden. Müsste jeder Programmierer jedes wiederkehrende Problem neu lösen, wäre es nicht nur unnötige Arbeit, sondern würde der Qualität einer Software nicht zuträglich sein. Wenn es also um die Qualität (und natürlich Effizienz) der Entwicklung geht, erscheint es nicht plausibel die Wiederverwendung zu unterbinden. Plausibel ist dieses nur, wenn es um Gewinn oder Macht geht. Die Verknappung guter Ideen oder von Informationen (also immatierieller Güter) gibt demjenigen der sie besitzt schließlich die Möglichkeit, mit ihnen Geld zu verdienen oder Macht auszuüben. Z.B. die Macht eines Druiden, Schamanen, Börsengurus usw.

Überträgt man die Open Source - Idee auf die kulturellen Produkte und insbesondere die Kunst, bedeutet das konsequenterweise auch, dass das Kunstwerk seine Einzigartigkeit oder besser Echtheit einbüst. W. Benjamin formulierte bereits im Aufsatz “Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit” (unter anderem von Adorno kritisiert) den möglichen und durch technische Reproduktion drohenden Verfall (die Zertrümmerung) der Aura eines Kunstwerks sowie den Verlust der Echtheit.

Das Hier und Jetzt eines Originals macht nach Benjamin den Begriff seiner Echtheit aus. Er beschreibt die Echtheit einer Sache als den Innbegriff alles von Ursprung her an ihr Tradierbaren. Diese Tradierbarkeit reicht von ihrer materiellen Dauer bis zu ihrer geschichtlichen Zeugenschaft. In der Reproduktion spiele die materielle Dauer keine Rolle mehr und so tritt auch die Bedeutung der geschichtlichen Zeugenschaft in den Hintergrund. Die Autorität einer Sache gerate dadurch ins Wanken. (vgl. ebd., S. 11f)
Eng verknüpft mit dem Begriff der Echtheit ist nach Benjamin die „Aura“ eines Kunstwerks, die die Autorität einer Sache ausmacht. Unter dem Begriff Aura versteht Benjamin das Innerste eines Kunstwerks: Das alte Kunstwerk war durch sein Hier und Jetzt (Bindung an einen Ort und Einbettung in einen Traditionszusammenhang/Ritual) in seiner Echtheit bestimmt, was auch seine Einmaligkeit ausmachte. Das technisch reproduzierbare Kunstwerk hat dagegen keinen festen Ort mehr. Durch diese nicht gegebene Einmaligkeit erfährt die Aura eines Werks Entwertung. Es gebe nämlich kein Abbild der Aura (vgl. ebd., S. 25). Die unbegrenzten Vervielfältigungsmöglichkeiten führen nach Benjamin also zum Verlust der Aura eines Kunstwerks, weil das Reproduzierbare aus dem Bereich der Tradition gelöst wird. Die technische Reproduzierbarkeit emanzipiere das Kunstwerk von seinem parasitären Dasein am Ritual. (vgl. ebd., S. 17)

In diesem Zusammenhang geht Benjamin auf sich verändernde Rezeptionszusammenhänge ein: Die Ausstellbarkeit wachse enorm mit der Loslösung des Kunstwerks vom Ritual. Ein Kunstwerk erhält demnach sein absolutes Gewicht nun durch seinen Ausstellungswert und nicht mehr durch seine traditionelle Verknüpfung. (vgl. ebd., S. 20) Das Reproduzierbare setzt an die Stelle des einmaligen Vorkommens eines Kunstwerks ein massenweises. Reproduktionen kommen den Aufnehmenden in ihrer jeweiligen Situation entgegen. Das reproduzierbare Kunstwerk erfährt demnach eine ständige Aktualisierung mittels seines Reprodukts (vgl. ebd., S. 13). Dies kommt dem leidenschaftlichen Ziel der Massen entgegen, sich die Dinge räumlich näher zu bringen und das Einmalige jeder Gelegenheit durch ihre Reproduktion zu überwinden. Die Entschälung des Kunstwerks aus dieser Hülle, in der Einmaligkeit und Dauer ebenso verschränkt sind wie Flüchtigkeit und Wiederholbarkeit (das Hier und Jetzt), beschreibt Benjamin außerdem als die Zertrümmerung der Aura. (vgl. ebd., S. 15)

[Quelle: H. Rapp]

Innerhalb einer “offenen” gesellschaftlichen Praxis (-> open culture) ist das Verständnis von der Funktion und dem Wert des Kunstwerks neu zu bestimmen. Der Besitz (bezogen auf den materiellen und geistigen Besitz), die Echtheit sowie die auratische Qualität treten in den Hintergrund und werden zu beinahe archaisch  wirkenden, mystischen Wertgebilden degradiert. Der etablierte, “klassische”, also institutionell verwaltende Kulturbetrieb scheint sich diese offensichtlich längst überholten Werte in einem Elfenbeinturm der Kunst verwahren zu wollen. Das ist natürlich auch verständlich, bedeuten diese Werte doch Legitimation, Geld und Macht. Denn Ausstellungen sind zugleich Verfügbarkeits-Politik, die Einfluß auf den (aktiengleichen) Wert der Arbeiten eines Künstlers ausüben oder in Form einer Agenda vorgeben können, was gut ist und wie betrachtet werden darf. Praktiziert haben dies ja auch lange Zeit die Major-Labels im Musikmarkt, die große Stars aufgebaut haben und über diese dann die eigenen Kassen füllen konnten. Eine Frage der musikalischen Qualität oder Vielfalt war das nicht zwingend. Auch die bildende Kunst ist in der jüngeren Vergangenheit vor allem durch eines dominiert: Geld. Eine Kunstindustrie ist entstanden, die sich nicht sehr von der Wallstreet unterscheidet und Parallelen zu den selektiven Mechanismen der Major-Labels aufweist.

Die Kunst ist bei Weitem kein isolierter Markt mehr, sie ist von Glamour, Haute Couture, Popkultur und Unterhaltung beeinflusst und zieht die Aufmerksamkeit eines grossen Publikums auf sich. Die Art Basel Miami, eine Kunstmesse ersten Ranges, veranstaltete Konzerte am Strand und gemeinnützige Events in Luxushotels. Google engagierte den zeitgenössischen amerikanischen Künstler Jeff Koons für den Start des Künstlerprojekts iGoogle, mit dem Anwender von Künstlern gestaltete Themen für ihre persönliche Homepage auswählen. Die Schaffung von Kunst hat sich zu einer Grossindustrie entwickelt. Heute beauftragen Künstler ihre Angestellten, die anhand der Ideen der Meister Konsumprodukte fertigen. Erstaunlicherweise dominieren gerade jene Künstler, deren Arbeiten bei Auktionen hunderte von Millionen einbringen, das preisgünstigste Marktsegment. Über 50 Prozent der zeitgenössischen Kunstwerke, die zwischen Juli 2007 und Juni 2008 verkauft wurden, erzielten weniger als 5000 Euro. [sagt: Credit Suisse in "Die Kunst, in bildende Kunst zu investieren"]

Kunst, als so auf den matierellen Wert degradierter Gegenstand, gilt es meiner Meinung nach nicht unbedingt zu retten. Eine Kunstpraxis, die den Prinzipien der “Offenheit” folgt, könnte einen Gesinnungswandel herbeiführen oder evtl. ein Gegengewicht darstellen (so wie Linux im Vergleich zu Windows), indem der ideelle Wert und der immaterielle Nutzen (z.B. jener im epistemologischen Sinne) vor den materiellen Wert und verklärten Vorstellungen einer längst vergangenen Zeit gerückt werden. Kunstverwalter, Kuratoren und Kunstschaffende sind also zudem neuen Bedingungen oder vielmehr einer neuen Logik ausgesetzt, auf welche es zu reagieren gilt.

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Kommentare
Bislang gibt es eine Meinung zu "Was bedeutet Open Source für die Kunst?"


  1. Polygonist meinte am 24.2.2009 um 11:31Uhr|Typ: Comment

    Diese Gedanken sind mir nicht ganz fremd. Ich, als vormals analoger Künstler (Öl, Airbrush etc.) kenne also das Gefühl was es bedeutet etwas in die materiele Welt zu projizieren und es als “Meins” zu begreifen.
    Nun arbeite ich schon als mehr als Acht Jahre im rein digitalen Bereich (3d). Das Gefühl ist trotzdem geblieben es in die materielle Welt zu projizieren/produzieren. Im Bereich 3d Rendering/Visualisierung kann man glaube ich nochmehr als vielleicht im Bereich Photomanipulation/Digital Painting von einer reinen Quelle sprechen. Nämlich von der 3d Quelldatei aus dem heraus ein Bild später berechnet wird. Diese Berechnung lade ich später in ein DTP Programm (vornehmlich Photoshop oder eben Open Source: Gimp) und kann sie dann noch mit den Mitteln der Bildbearbeitung weiterbearbeiten.
    Die 3d Datei, der reine Algorythmus also ist ursprünglicher als alles was ich digital, künstlerisch kreieren kann. Ein photomanipuliertes und nachbearbeites Bild hat unter Umständen schon verschiedene andere Ausgangsquellen, wenn ich also dabei Stockmaterial von anderen Künstlern verwende. Ich kann zwar auch im 3d Bereich mich aus 3d Datenbänken bedienen. Wie ich aber solche Quellen weiterverwende besitzt wesentlich mehr Variationsmöglichkeiten durch Deformation, Licht und Textur als die zweidimensionale Fotoquelle.
    Meine Idee ist es jetzt also dabei dem Nutzer meine orignalen 3d Quelldateien zur Verfügung zu stellen so das sie diese nach ihrem Belieben weiterverwenden könnten.
    Das hört sich jetzt vielleicht erstmal nicht sonderlich spektakulär an, da es eben wie gesagt genügend 3d Datenbänke gibt in dem man sich teilweise eben “for free” tausende Objekt mit deren Texturen herunterladen kann. Das wäre aber nur damit vergleichbar als wenn ich als analoger Künstler Farbe, Pinsel und Leinwand quasie “for free” zur weitern Nutzung zur Verfügung stelle. Zu einem künstlerisch bedeutsamen, stimmigen Bild muß man es aber schon noch selbst arrangieren.
    Diese Phase überspringen wir also gleich. Ich biete etwas an das zwischen eben diesem Gedanken und dem völligen Freigeben des quasie beendeten Kunstwerkes liegt. Es sind eben keine einzelnen Bruchstücke und es ist auch kein fertiges Endprodukt welches ich gleich kommerziell Nutzen könnte und somit vielleicht in die Reproduktion weiterschicke.
    Ich biete mit meinem Projekt (Open Art - Free Polygons) nicht die “Ingredenzien” und auch nicht das “Magnum Opus” sondern die Essenz, den reinen Gedanken, die Idee des Bildes an.
    Konkret heißt das, das man in geraumer Zeit unter meinem Blog http://www.blog.polygonismus.de unter der Rubrik “Open Art - Free Polygons” sich eine bzw. mehrere 3d Dateien im Format 3ds herunterladen kann. Diese Dateien besitzt keine Texturen sind aber Quelldaten aus meiner reichhaltigen Werkschau. Also komplett fertig arrangierte 3d Szene aus denen ich später die Bilder gerendert habe. Jeder der sich diese Daten herunterlädt und sie weiterarrangiert kann das selbstverständlich nach seiner eigenen völligen künstlerisch, experimentellen Freiheit tun. Es gibt keine Begrenzung. Es gibt auch keine Begrenzung wie er mit diesen Daten weiterverfährt. Er kann sie für sich später durch das beigefügte Programm (Blender) berechen lassen und meinetwegen auch kommerziell weiternutzen. Es wäre natürlich für mich und vielleicht auch für denjenigen der diese Daten nutzt vom großen Interesse wenn man seine Ergebnisse gegenseitig präsentieren könnte.
    Wenn die ersten Daten zur Verfügung stehen werde ich natürlich hier im Teriell Blog eine Verlinkung zur Verfügung stellen. Es wird dann auch dort ein Link zum Open Source Programm Blender zu finden sein damit also User die nicht über ein professionelles Programm verfügen zumindest ein adäquates Open Source 3d Programm nutzen können.


  2.  

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